Jill Ker Conway, Auszug aus Coorain: Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Australien. Unveröffentlichte Übersetzung © Claudia Arlinghaus 2000-2017.

Leseprobe.

Titel der Originalausgabe:

The Road from Coorain: In the tradition of My Brilliant Career — a woman's exquisitely clear-sighted memoir of growing up Australian. New York: Knopf, 1989. ©1989 by Jill Conway

Die Autorin

Jill Ker kam 1934 im austra­lischen Bundes­staat New South Wales zur Welt; ihre ersten zehn Lebensjahre verbrachte sie auf der elterlichen Schaffarm im Outback. Nach dem Tod des Vaters zogen Mutter und Tochter nach Sydney, wo sich die zwei Brüder bereits im Internat befanden und das Mädchen nun ebenfalls eine reguläre Schule besuchen konnte. 1960 schloss Jill Ker ihr Studium an der University of Sydney mit einem M.A. in Geschichte ab und wanderte anschließend in die Vereinigten Staaten aus, um in Harvard zu promovieren. Von 1964 bis 1975 lehrte die inzwischen verheiratete Jill Ker Conway an der University of Toronto; von 1973 bis 1975 hatte sie dort die Position der Vizedirektorin inne. Als erste Frau übernahm sie 1975 die Leitung des renommierten Smith College in Maryland. Seit dem Ende ihrer zehnjährigen Amtszeit wurde ihr von zahlreichen Colleges und Universitäten in den USA und Kanada die Ehrendoktorwürde verliehen; für ihre Arbeit wurde sie 2012 durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten mit der National Humanities Medal der USA ausgezeichnet und 2013 von der Queen in den Order of Australia erhoben. Jill Ker Conway, die im anglophonen Raum großes Ansehen als Historikerin genießt, ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher, die sich vornehmlich mit der Geschichte und der Rolle der Frau in der Gesellschaft beschäftigen. Sie saß in den Aufsichtsräten mehrerer großer Unternehmen und ist Gastprofessorin am Massachusetts Institute of Technology.

In ihrer Autobiographie The Road from Coorain beschreibt Jill Ker Conway ihre Kindheit und Jugend in Australien bis zu dem Zeitpunkt, da sie nach Abschluss ihres Universitätsstudiums in die USA auswandert. Durch eine simple Einordnung in dieses Genre wird man diesem Bericht jedoch nicht gerecht. The Road from Coorain ist eine Beschreibung australischer Lebens- und Wesensart, die jedem Reisenden als landeskundliche Einführung dienen kann. Das Buch gibt einen Einblick in den Verlauf der jüngeren Zeitgeschichte an einem Ende der Welt, dessen enger Verbundenheit mit Europa und der europäischen Geschichte sich die wenigsten Europäer bewusst sind. Die Geschichte weist Züge eines Entwicklungsromans auf, beschreibt eine klassische Mutter-Tochter-Problematik und die Emanzipation nicht nur einer jungen Frau in der Gesellschaftsordnung der Mitte des 20. Jahrhunderts, sondern auch die einer jungen Commonwealth-Nation vom Mutterland. All diesen Zwängen entkommt Jill Ker schließlich nur durch Auswanderung.

Die zahlreichen prägenden Kindheitseindrücke und die tragischen Ereignisse, die einen großen Einfluss auf den Verlauf ihres jungen Lebens ausüben — eine katastrophale fünfjährige Dürre auf Coorain; der frühe Tod des Vaters; wenige Jahre später der Unfalltod des ältesten Bruders und der beginnende seelische Zusammenbruch der Mutter — verbindet der trügerisch schlichte Stil der Autorin, die auf engstem Raum eine eindrucksvolle Landschaft erstehen lässt, bevölkert von lebendigen, mit psychologischer Einsicht gezeichneten Menschen. In The Road from Coorain zeigt sich die Verfasserin von Sachtexten, die gewohnt ist, mit wenigen Worten Zusammenhänge präzise darzustellen, und dabei aus einem reichen Wortschatz schöpft, der ihrem knappen Stil eine große Farbigkeit verleiht.

Tatsächlich ist Coorain nicht allein die Geschichte der Autorin, sondern in großem Maße auch die Geschichte ihrer Mutter, die sich immer wieder dem Konflikt zwischen der von der gesellschaftlichen Norm geforderten Rolle der perfekten Ehefrau und Mutter und ihrem persönlichen Bedürfnis nach Selbständigkeit und beruflicher Erfüllung stellen muss, ohne diesen lösen zu können. In einem Interview mit der New York Times beantwortete Jill Ker Conway die Frage nach ihrer schriftstellerischen Absicht folgendermaßen: „[Ich will] den Menschen auf sehr direkte Weise verständlich machen, dass Frauen ein authentisches Bedürfnis haben zu arbeiten, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen. Die Moral des Lebens meiner Mutter ist die, dass sie unbesiegbar war, solange sie sich einer Herausforderung zu stellen hatte, ihren Halt jedoch vollkommen verlor, wenn sie keine Aufgabe vor sich sah. Man spricht sehr gerne davon, dass Frauen ein moralisches Bewusstsein durch eine Mutterbindung entwickeln, doch ich sehe darin einen Irrtum. Mein Buch ist ganz bewusst die Geschichte einer Trennung — eine Geschichte von Freiheit und Befreiung.“

Dieses Bedürfnis nach Freiheit und Befreiung kommt in The Road from Coorain auf einer weiteren Ebene zum Tragen, nämlich der Suche der jungen Australierin nach einer eigenen australischen Identität. Immer wieder sieht sich die junge Jill Ker mit dem Konflikt zwischen dem privilegierten und dem benachteiligten Australien konfrontiert, der auf diesem Kontinent und zu dieser Zeit eine Parallele zu dem Konflikt zwischen den kulturellen Werten der britischen Kolonialmacht und denen des „eigentlichen“ Australiens bildet. Erst ein längerer Aufenthalt in England lässt Jill Ker erkennen, dass sie nur durch eine Loslösung zu einer selbständigen Wertfindung gelangen kann. Doch selbst diese neu gefundene Identität als Australierin hilft ihr nicht über die Problematik hinweg, der sich die angehende Historikerin in ihrer Heimat ausgesetzt sieht: Eine Frau, die als den Männern gleichberechtigte Wissenschaftlerin arbeiten will, findet hier offensichtlich noch keinen Platz.