Jill Ker Conway, Auszug aus Coorain: Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Australien. Unveröffentlichte Übersetzung (© Claudia Arlinghaus 2003-2014).

Leseprobe.

Titel der Originalausgabe:

The Road from Coorain: In the tradition of My Brilliant Career — a woman's exquisitely clear-sighted memoir of growing up Australian. New York: Knopf, 1989. ©1989 by Jill Conway

Die Autorin

Jill Ker Conway wurde 1934 im austra­lischen Bundes­staat New South Wales geboren, wo sie ihre ersten zehn Lebensjahre im Outback auf der Schaffarm ihrer Eltern verbrachte. Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter mit Jill nach Sydney, wo sich ihre zwei Brüder bereits im Internat befanden und das Mädchen nun ebenfalls eine reguläre Schule besuchen konnte. 1960 schloss Jill Ker ihr Studium an der University of Sydney mit einem M.A. in Geschichte ab, woraufhin sie in die Vereinigten Staaten auswanderte, um in Harvard zu promovieren. Von 1964 bis 1975 lehrte die inzwischen verheiratete Jill Ker Conway an der University of Toronto, wo sie von 1973 bis 1975 die Position der Vizedirektorin innehatte. Als erste Frau übernahm sie 1975 die Leitung des renommierten Smith College in Maryland. Seit Abschluss ihrer zehnjährigen Amtszeit wurde ihr von 32 Colleges und Universitäten in den USA und Kanada die Ehrendoktorwürde verliehen. Jill Ker Conway ist die Autorin und Herausgeberin einer Reihe von Büchern, die sich vornehmlich mit der Geschichte der Frau in der Gesellschaft beschäftigen; außerdem hat sie zwei Fortsetzungen ihrer Autobiographie veröffentlicht. Sie lehrt am Massachusetts Institute of Technology und sitzt in den Aufsichtsräten mehrerer großer Unternehmen.

Auszug aus Coorain — Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Australien.

Jill Ker Conway ist eine im englischsprachigen Raum höchst anerkannte Historikerin, die sich besonders mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinandersetzt. In ihrer Autobiographie The Road from Coorain beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend in Australien bis zu dem Zeitpunkt, da sie nach Abschluss ihres Universitätsstudiums in die Vereinigten Staaten auswandert. Wie so häufig bei einer Autobiographie würde man dieser Geschichte durch die simple Einordnung in dieser Sparte jedoch nicht gerecht. The Road from Coorain ist eine Beschreibung australischer Lebens- und Wesensart, die jedem Reisenden als landeskundliche Einführung dienen kann. Das Buch gibt einen Einblick in den Verlauf der jüngeren Zeitgeschichte an einem Ende der Welt, dessen Verbundenheit mit Europa und seiner Geschichte den wenigsten bewusst ist. Handelte es sich nicht um eine authentische Lebensbeschreibung, so ließe sich diese Geschichte als Entwicklungsroman bezeichnen. Die Autorin lässt den Leser an der Entwicklung einer jungen Persönlichkeit in der Auseinandersetzung mit einer übermächtigen Mutter und einer voreingenommenen Gesellschaft teilnehmen; beiden entkommt sie schließlich nur durch ihre Auswanderung.

Die prägenden Kindheitseindrücke und die tragischen Ereignisse, die einen großen Einfluss auf den Verlauf ihres jungen Lebens ausüben — eine katastrophale fünfjährige Dürre auf Coorain, dem Ort ihrer Kindheit; der frühe Tod des Vaters; wenige Jahre später der Unfalltod des ältesten Bruders und der beginnende seelische Zusammenbruch der Mutter — all dieses verbindet der trügerisch schlichte Stil der Autorin, die mit unglaublicher Wortgewandtheit auf engstem Raum eine eindrucksvolle Landschaft erstehen lässt, die von lebendigen, mit psychologischer Einsicht vorgestellten Menschen bevölkert ist. In The Road from Coorain ist die Verfasserin von Sachtexten erkennbar, die gewohnt ist, mit wenigen Worten Zusammenhänge präzise darzustellen, und dabei aus einem ungewöhnlich reichen Wortschatz schöpft, der ihrem knappen Stil eine außergewöhnliche Farbigkeit verleiht.

Tatsächlich ist Coorain nicht allein die Geschichte der Autorin, sondern in großem Maße auch die Geschichte ihrer Mutter, die sich immer wieder dem Konflikt zwischen der von der gesellschaftlichen Norm geforderten Rolle der perfekten Mutter und ihrem persönlichen Bedürfnis nach Selbständigkeit und beruflicher Erfüllung stellen muss, ohne diesen lösen zu können. In einem Interview der New York Times antwortete Jill Ker Conway auf die Frage nach ihrer schriftstellerischen Absicht: „[Ich will] den Menschen auf sehr direkte Weise verständlich machen, dass Frauen ein authentisches Bedürfnis haben zu arbeiten, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen. Die Moral des Lebens meiner Mutter ist die, dass sie unbesiegbar war, solange sie sich einer Herausforderung zu stellen hatte, ihren Halt jedoch vollkommen verlor, wenn sie keine Aufgabe vor sich sah. Man spricht sehr gerne davon, dass Frauen ein moralisches Bewusstsein durch eine Mutterbindung entwickeln, doch ich sehe darin einen Irrtum. Mein Buch ist ganz bewusst die Geschichte einer Trennung — von Freiheit und Befreiung.“

Das Bedürfnis nach Freiheit und Befreiung kommt in The Road from Coorain auf einer weiteren Ebene zum Tragen — der Suche einer jungen Australierin nach einer eigenen, australischen Identität. Immer wieder sieht sich die junge Jill Ker dem Konflikt zwischen dem privilegierten und dem benachteiligten Australien gegenüber, welcher auf diesem Kontinent und zu dieser Zeit im Konflikt zwischen den kulturellen Werten der britischen Kolonialmacht und denen des eigentlichen Australiens liegt. Erst ein längerer Aufenthalt in England lässt sie erkennen, dass sie nur durch eine Loslösung zu einer selbständigen Wertfindung gelangen kann. Doch selbst diese neu gefundene Identität als Australierin hilft ihr nicht über die Problematik hinweg, der sie sich als angehende Historikerin in ihrer Heimat ausgesetzt sieht. Für eine Frau, die als dem Mann gleichberechtigte Wissenschaftlerin arbeiten will, gibt es hier offensichtlich keinen Platz. Als einziger Ausweg bleibt ihr daher nur die Auswanderung in die Vereinigten Staaten.