Leseprobe aus:

Jill Ker Conway, Auszug aus Coorain: Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Australien. Unveröffentlicht.
© der deutschen Übersetzung 2003–2014: Claudia Arlinghaus.

Titel der Originalausgabe:
The Road from Coorain: In the tradition of My Brilliant Career. A woman's exquisitely clear-sighted memoir of growing up Australian. New York: Knopf, 1989. ©1989 by Jill Conway

DER WESTEN

Grassteppe bedeckt die Ebenen im Westen von New South Wales. Gewaltig er­streckt sie sich über Hunder­te von Meilen, bis hinter den Lachlan und den Murrum­bidgee River, bis schließ­lich die Wüste sie ab­löst und ins Innere rauscht, dem toten Herzen des Kon­tinents zu. Wer hier in einem guten Jahr den Blick nach unten richtet, ent­deckt einen Web­teppich zarten Lebens — zwar nicht im ver­schwenderi­schen Muster eines mittel­alter­lichen Stunden­buchs, aber doch das mit spar­samen Mitteln ent­worfe­ne Werk eines moder­nen Künst­lers. Was hier wächst, klammert sich mit weit­läufi­gem Wurzel­werk fest an den Boden; darauf führt die Pflanze ihr eben­so zartes wie un­beirr­tes Dasein. Auf jeden Regen­guss folgt eine Ex­plosion neuen Lebens. Würzi­ges Gras richtet feine grüne Speere auf. Wildes Ge­treide schiebt sich em­por, und seine Saat reift zu Ähren von ge­bleich­tem Gold. Purpurne Augen­wicken durch­ziehen das Grün und Gold, und die hell­gelben Blüten der Trommel­schlägel über­ziehen ganze Mor­gen von Land wie andern­orts Senf­felder. Der Erde am näch­sten ist der Schnecken­klee, der sich im Früh­jahr mit winzi­gen mandel­grünen Blätt­chen und leuchten­den Blüten über das Erd­reich breitet. Im Herbst lässt er eine Tracht samen­gefüll­ter Kletten folgen, in denen er die Kraft der Sonne als kon­zen­trier­tes Pro­tein ge­speichert hat. Wo der Mutter­boden ero­diert ist, zeich­nen pink und violett blühen­de Sukku­len­ten — Farb­spritzern gleich — in kon­zen­tri­schen Ringen die Ränder von Ton­mulden nach.

Überall dort, wo eine kaum wahrnehm­bare Ver­tiefung eine höhere Kon­zen­tra­tion von Tau­feuchte und zaudern­dem Regen zu­lässt, über­ragt Ge­sträuch die Boden­decker. Hier wächst der all­gegen­wärti­ge stach­lige Steppen­roller, der sein Leben kräftig gift­grün be­ginnt, nur um von Sonne und Frost zu blassem Weiß­gelb ver­brannt zu werden. All­mäh­lich wird sein Wurzel­hals ge­schwächt, bis der Wind ihn schließ­lich an einem auf­frischen­den Tag aus der Erde pflückt und lang­sam und majestä­tisch umher­rollen lässt, wie wirbeln­de Sonnen in einem Ge­mälde van Goghs. Auf kalk­halti­gem Boden stehen kräfti­gere, ober­schenkel- bis hüft­hohe Büsche; sie tragen das schmale Blatt­werk des Trocken­klimas, blau­grün und grau­bestäubt von Farbe und perfekt adap­tiert, um der dörren­den Sonne zu wider­stehen. Wo sich auf weniger durch­lässi­gem Boden bis­weilen eine Pfütze hält, ist die ein­jähri­ge Salz­melde an­zu­treffen, eine wunder­liche silber­graue Pflanze, die in kleinen Blatt­ballons Wasser speichert und auch dann noch ge­deiht, wenn die Regen­fälle schon lange aus­ge­blieben sind. Ihr aus härte­rem Holz ge­schnitz­ter mehr­jähri­ger Cousin ähnelt dem ameri­kani­schen Wüsten-Beifuß; er stützt sich auf feste Zweige und trotzt dem stärks­ten Wind.

Sehr selten — nur dort, wo sich ein unter­irdischer Wasser­lauf der Ober­fläche nähert — drängen sich einige Eukalyptus­bäume zusammen. Wind und Wasser­mangel ver­leihen diesen ein zer­schlisse­nes, knorriges Aus­sehen; drama­tisch er­heben sie sich über den Hori­zont, wie eine Synode heimischer Gott­heiten. Hitze und Luft­spiegelun­gen lassen sie gleich­sam vom Boden ab­heben, so­dass sie von fern an Surfer er­innern, die auf einer end­losen silber­glänzen­den Woge über die Ebene gleiten. Der Ozean, über den sie dahin­ziehen, leuchtet im strahlen­den Sonnen­licht grau­blau, silbrig, grün, gelb, scharlach­rot und blass­golden — eine kräf­ti­ge Palette von Glanz­lichtern auf den roten Nuancen des Tons, die an grauen Tagen der zurück­halten­den Farb­mischung einer ruhigen See weicht.

Die Geschöpfe dieses Landstrichs tragen die Farben ihrer Heimat in ihrem Ge­fieder, in ihrem Pelz und ihrem Schuppen­kleid. Zu den größten Be­wohnern zählen die Emus, manns­hohe flug­unfähige Vögel mit grau­braunen Federn und winzi­gen Flügeln. Sie sind stille Wesen, wie auch die Kängu­rus, die von sechzig Zenti­metern bis nahe­zu zwei­einhalb Metern messen, in Farben von zartem Tauben­grau bis hin zu sattem Rot­braun. Beide Tier­arten ver­schmelzen so gut mit ihrer heimi­schen Um­gebung, dass man die ver­trauten Um­risse bis­weilen erst dann aus­macht, wenn man direkt vor ihnen steht. Das Fell der Wild­hunde ist von dem all­gegen­wärti­gen Ocker­gelb aus­gedörr­ten Tons, und die Rep­tilien — Schlangen und Warane — wirken wie Schatten auf der Erde. Sie alle be­wegen sich behut­sam durch den empfind­lichen Lebens­raum, auf ge­polster­ten Pfoten und mit Kral­len, die die Gras­wurzeln intakt lassen.

Die Ebene stößt in einer derart scharf ge­zoge­nen schwar­zen Linie gegen den Him­mel, dass man glauben möchte, ihr Schöpfer habe mehr Inte­resse an Geo­metrie ge­hegt denn an alt­testamen­ta­ri­schen Hügeln und Tälern. Mensch­liches Unter­fangen ver­liert vor einem so leeren Hori­zont jede Be­deutung. Auf einer ein­samen Insel im Ozean würden wir bei einem solchen An­blick Ge­borgen­heit ver­spüren. Auf der Steppe aber bleibt der Hori­zont un­ver­änder­lich, dort gibt es kein Ent­rinnen. Seine Leere be­gleitet uns auf Schritt und Tritt, in jeder Himmels­richtung sind wir mit ihm kon­fron­tiert. Da das karge Land uns kaum Orien­tie­rungs­punkte bietet, kriechen wir insekten­gleich darauf einher, eine winzi­ge, ein­same Existenz zwischen der leeren Welt und dem sich darüber wölben­den Himmel. Maß­stäbe verschieben sich in dieser äußerst flachen Land­schaft auf selt­same Weise. Ein scharlach­roter Sonnen­untergang lässt grau­gelbe Gras­bülten wie Bäume empor­ragen. Kilo­meter­hoch auf­getürm­te Gewitter­wolken bilden die Kulisse für einen einzel­nen ver­krüppel­ten Baum. Ein Reiter am Hori­zont scheint ur­plötz­lich direkt den Wolken ent­stiegen. Während sich die Erde in klein­teili­gem Muster prä­sen­tiert, wie ein kom­pli­ziert ge­stick­ter Gobelin, wartet der Himmel mit purem Drama auf. Kumulus­wolken häufen sich im Zen­trum gigan­ti­scher konti­nen­ta­ler Ab­schnitte, und der Wind treibt sie in ge­walti­gem Tempo den Hori­zont ent­lang oder über die Köpfe der Be­trachter hin­weg. Der all­gegen­wärti­ge rote Staub der Trocken­land­schaft schwebt in der Luft und bringt im Wechsel die ge­samte Farb­skala von Gelb über Orange und Rot bis Purpur her­vor, wäh­rend die Wolken das Licht beugen und fächern. Den Mangel an Sing­vögeln in diesem Teil des Busch­lands machen die drama­tischen Sonnenauf– und –untergänge wett. Am Morgen gehen dem barocken Hervor­brechen der Sonne pracht­volle goldene Strahlen voraus. Bei Sonnen­unter­gang er­innern die Schattie­rungen der Haufen­wolken an ein See­stück von Turner, bis die Sonne hinter die Erde taucht und nicht Abend­rot hinter­lässt, sondern Feuer­zungen am Horizont.

© der englischen Originalausgabe Jill Ker Conway 1989

© der deutschen Übersetzung Claudia Arlinghaus 2003–2014