Leseprobe aus:

Théophile Gautier, „Der Klub der Haschisch­esser“ (1846). Kap. 4: „Un monsieur qui n’était pas invité“.

In: Jean-Michel Groult, Verbotene Pflanzen: Psychoaktiv bis invasiv. Stuttgart: Ulmer, 2011. Übersetzung aus dem Französischen.

Plötzlich erschien mir eine geheimnis­volle Ge­stalt. Wie war sie herein­gekommen? Ich wüss­te es nicht zu sagen und war doch nicht im Ge­ring­sten be­äng­stigt. Ihre Nase war krumm wie ein Vogel­schnabel, und sie hatte drei­fach schatten­umring­te grüne Augen, die sie un­ab­lässig mit einem rie­si­gen Schnupf­tuch be­tupf­te. Eine hohe weiße ge­stärk­te Bin­de schnür­te ihr den dürren Hals der­art ab, dass die Wangen­haut in röt­lichen Fal­ten darüber­hing; darein war eine Visiten­karte ge­knotet, auf der ge­schrieben stand: „Daucus Carota vom Goldnen Topf“. Die kapaun­haft ge­wölb­te Brust um­spann­te ein mit Trauben von Schmuck­anhän­gern be­schwer­ter Stutz­frack. Was die Beine an­belangt, so muss ich ge­stehen, dass sie wie eine Alraun­wurzel an­mute­ten — gegabelt, schwarz, runz­lig, voller Knoten und Warzen schien diese frisch dem Boden ent­rissen, denn es hafte­ten noch Erd­reste an den Fasern. Diese Beine zuck­ten und wan­den sich mit außer­ordent­lichem Eifer, und als der kleine Rumpf, den sie trugen, sich mir genau gegen­über be­fand, schluchz­te das sonder­bare Wesen laut auf und sprach zu mir mit der weh­leidig­sten Stimme, wäh­rend es nach Kräf­ten seine Augen trock­nete: „Der Tag ist ge­kommen, da wir vor Lachen ster­ben müssen!“ Und erbs­große Trä­nen kuller­ten ihm auf die Nasen­flügel. „Ster­ben müssen … ster­ben müssen …“ näsel­ten miss­tönende Stim­men echo­gleich im Chor. [ …]

Welch bizarr ver­zerr­te Fratzen! Welch hin­ter ihren Nick­häuten blin­kende, sarka­stisch glitzern­de Augen! Welch grin­sen­de Schlitz­münder! Welch grob ge­schnit­tene Mäuler! Welch possen­hafte Spitz­nasen! Welch von grobia­nisti­schen Narre­teien pralle Wän­ster! Welch faszi­nie­rend launichte Ge­stal­ten, die flüch­tig im arg­losen Alb­gewim­mel auf­schienen — Karika­turen, wie sie den Neid von Daumier und Gavami er­weckt hät­ten — Er­schei­nun­gen, wie sie die fabel­haften chine­sischen, dem Phidias eben­bürti­gen Schöpfer por­zella­nener Magots vor Ent­zücken hät­ten ver­gehen lassen!

Doch nicht alle Gesichte waren mon­strös oder grotesk — auch An­mut trat in die­sem aber­witzi­gen Reigen in Er­scheinung: Neben dem Kamin wieg­te sich ein pfirsich­wangiges Köpf­chen in blon­dem Schopfe und ent­blößte in einem nicht enden wollen­den An­fall von Heiter­keit zwei­und­dreißig reis­korn­große Zähn­chen, wobei es ein silber­hell tönen­des, vibrie­ren­des, mit Tril­lern und Ferma­ten durch­setz­tes an­halten­des Ge­läch­ter er­klin­gen ließ, das mir so durchs Trommel­fell drang, dass meine gänz­lich mesmeri­sier­ten Nerven mich zu aller­lei törich­ten Hand­lungen zwangen.

Die heitere Raserei war zum Höhe­punkt ge­langt; man hör­te nur noch schluch­zen­de Seuf­zer und lallen­des Gluck­sen. Das Lachen wandel­te sich zu dump­fem Grum­meln, auf Wollust folg­te der Krampf — der Kehr­reim des Daucus Carota wollte sich be­wahr­heiten. Schon waren mehre­re er­matte­te Haschisch­esser mit jener sanf­ten Schwere zu Boden ge­rollt, welche den Sturz im Rausch so un­ge­fähr­lich macht. Es über­kreuzten, ver­misch­ten, über­deckten sich Aus­rufe wie „Mein Gott, was bin ich glück­lich! Welch Wonne — ich schwebe in Ekstase! Ich schaue das Para­dies! Ich tauche ein in die tief­ste Glück­selig­keit!“

Heisere Schreie entrissen sich beklemm­ten Busen — Arme streck­ten sich sehnend nach schwinden­den Schemen — Fersen und Nacken poch­ten auf die Dielen.