Leseprobe aus:

Nirmal Verma, Wochenende

In: Sudhir Kakar, Hrsg., Liebe aus Indien: Moderne Erzählungen. 288 Seiten. München: C. H. Beck, 2006.

Sie hob die Steppdecke vom Gesicht, noch auf der Schwelle zwischen Schlaf und Wachen. Die Küsse der vergangenen Nacht staken ihr wie Krumen zwischen den Zähnen. Sie liebkoste sie mit der Zungenspitze, schob sie im Mund umher und biss zu, aber es kam kein Blut. Ihr gesamtes Blut war um die Rose zwischen ihren Schenkeln versammelt, das dunkle Dreieck schweißfeucht. Sie flocht ihre Beine zwischen die seinen, rief ihn mit leiser Stimme. Der Rausch seiner Berührung — Hirschgalopp in ihrem Innern, Jagd nach goldenen Illusionen, endlos, vergeblich.

Sie streckte die Arme aus, bettete seinen Kopf auf ihre Brüste und öffnete die Augen. Draußen legte sich die Morgendämmerung wie eine graue Wolke vor das Fenster. Die drei Pappeln, die der Wind nachts wiegte, standen nun still: blattlose, dunkle Silhouetten. Daran werde ich mich erinnern, dachte sie, an diese Pappeln, diesen fahlen Morgen. Sie hielt seinen Kopf auf halbem Wege fest, als er sich über ihren Bauch nach unten stahl, suchend ... Und woran werde ich mich noch erinnern? Außer an die Bäume — an diesen Galopp des Hirsches in mir, an die Eiswaffel und an eine blanke, sonnenglänzende, hauchdünne Scheibe Schmerz, die im Gras funkelt. Sie griff sein Ohrläppchen mit ihren Lippen und ließ seine Erregung in ihren Mund träufeln.

Beim Schrillen des Weckers schreckten sie beide zusammen, verhielten in der fließenden Bewegung ihrer Körper. Solange man schläft, ist es nichts Besonderes, doch ist man wach, dann klingt es wie ein Notsignal, eine Warnung, ein kleines beharrliches Lebewesen, das im Zimmerdunkel schreit. Ihre Hände auf ihm wurden gefühllos. Noch einen langen Augenblick, nachdem die Uhr ihren letzten Ton ausgekeucht hatte, schien sie nicht endgültig tot: Innegehalten hatte sie, um neuen Atem zu schöpfen, und würde von Neuem beginnen. Schließlich fand sie den Mut, den Knopf herunterzudrücken. Nur war es da nicht mehr nötig.

Die Uhr hatte sich verausgabt, sie aber hatte noch nicht einmal begonnen. Sie schlug die Augen auf, berührte den Mann an ihrer Seite und zog eine Zigarette unter dem Kissen hervor, als würden diese vorbereitenden Handgriffe sie in Gang setzen. Ist man in seinem eigenen Zimmer, hat man in seinem eigenen Bett geschlafen, so ist es nicht schwer, dort weiterzumachen, wo man abends aufgehört hat. Im Zimmer eines anderen aber bleibt alles erstarrt, unvollständig, ähnlich wie ein Bilderrahmen, der auf das Bild wartet, oder ein Vorentwurf, dem noch die Präzision des Bedeutungszusammenhangs fehlt. Ihr unordentlicher Kleiderhaufen, ein halbvolles Glas Wasser, seine bloßen Arme — mit Verlangen befrachtet, waren diese ihr Bindeglied zur Nacht. Sie starrte sie an und dachte: Wenn er aufwacht, findet er mich nicht mehr vor; ich werde am jenseitigen Ufer der Nacht stehen, und ich werde ihm zurufen: hier herüber, zu diesem Ufer, wo wir uns nicht fremd sind, wo wir einander gut kennen.

Langsam stieg sie aus dem Bett, ging zum Spiegel. Jeder Morgen lässt den Mut zum Weitermachen erneut aufleben. Sie zog ihre Kleider an, warf einen kurzen Blick auf ihr Spiegelbild und wählte einen Lippenstift passend zu dem Farbton, der auf der Woge des Morgenlichts emporstieg. Das tat sie immer in ihrem Zimmer. In seinem Zimmer aber schien sich seine Gegenwart um sie zu schlingen, eine Lage über die andere, und sie zerfiel. „Dies ist unser Daheim“, sagte er dann, „und du gehörst mir.“ Nirgendwo gab es ein Daheim, daher wohnte diesem „unser“ ein magischer Beiklang inne und der Glanz von Sonnenlicht. „Du gehörst mir“, sagte er, und die Sonne reckte Strahlenfinger über den dichten Dschungel zu ihr, die allein vor dem Spiegel stand und einen Lippenstift auswählte.