Leseprobe aus:

David Wheeler, Hrsg., Gartenlektüre: Neue Geschichten englischer Gartenenthusiasten.
München: Prestel, 2019

Anna Piussi, Himmel, Oliven! (2008)

„Olivenbäume?!“ Der Mann klingt schockiert. „Sie wollen sagen, das da sind alles Olivenbäume? Himmel, was für ein Dreck.“
  Da ich schon zahllose Touristen, Studenten und Schüler durch die Gärten der Toskana geführt habe, weiß ich inzwischen, dass eine eher merkwürdige Äußerung manchmal nur in andere Worte gekleidet werden muss, um dann doch in etwa verständlich zu sein, aber diesmal bin ich perplex. Ich habe keine Ahnung, was der Mann damit zum Ausdruck bringen will. Wir stehen auf der Terrasse der Villa Gamberaia in Settignano, Sonnenlicht glänzt auf dem Tal des Arno. In der Ferne sind die roten Dächer von Florenz zu sehen, darüber die zahlreichen Türme und Kuppeln der Stadt. Rings um uns schimmern Ölbäume. Eine Idylle – ein wahres Postkartenmotiv, möchte man meinen – besonders jetzt im September, da die Bäume schon schwer sind vom grünen Fruchtbehang, der sich vom Laub allerdings noch kaum unterscheiden lässt.
  „Was machen die Leute hier dagegen?“, setzt er wieder an. „Ich meine, Oliven machen doch so viel Dreck. Wie bekommen Sie den hier weg?“
  Nach einigem Nachdenken sage ich: „Nun, Sir, Ölbäume sind Nutzpflanzen, man zieht sie wegen der Früchte, nicht allein wegen ihres hübschen Aussehens. Wir bezeichnen sie als Grünes Gold. Oliven sind eines der wichtigsten Agrarerzeugnisse dieser Region – diese Villa und die dazugehörigen Gartenanlagen werden noch heute zum Teil durch das Geld finanziert, das die Oliven einbringen. Außerdem pflückt man sie, ich kann also nicht behaupten, dass ich jemals welche auf dem Boden gesehen hätte.“
  „Aber was machen Sie, damit sie keine mehr ansetzen?“
  Ich kann nur raten: „Man müsste dafür sorgen, dass die Blüten nicht befruchtet werden. Man müsste die Bäume im Frühjahr in Netze hüllen, damit sie nicht bestäubt werden, oder sie jedes Jahr nach der Blüte drastisch zurückschneiden – das ist das Einzige, was mir einfällt. Ich wüsste aber nicht, wozu. Hier in Italien sind sie wertvolle fruchttragende Bäume.“
  „Ja, ja“, wedelt er das Argument fort, „aber wenn dann all diese Oliven auf dem Boden liegen – ist das denn kein Problem?“
  Lächelnd gebe ich auf: „Nun, ich denke, wir würden das hier nicht als Problem bezeichnen, sondern als Vergeudung. Als Sünde.“

Im November sind die Oliven in der Toskana so reich mit Früchten behangen, dass ihr silbriges Laub wie regelmäßig getupft wirkt und manche Bäume sich unter der Last spalten. Die Ernte hat begonnen. Auf dem Land fließt der Verkehr nur noch langsam: Überall an den Straßenrändern breiten die Pflücker Matten auf dem Boden aus, die Landstraßen werden mit Netzen eingefasst und jeder Zweig sorgfältig leergepflückt. In den Bäumen stehen Männer und Frauen mit großen Harken und kämmen die langen Silberlocken der Äste buchstäblich aus, während unten Kinder und Alte die Ernte auffegen und in Behältnisse füllen. Während der ungewöhnlich warmen Tage des vergangenen Wochenendes waren die Olivenhaine erfüllt vom Lärmen der Familien und Freundesgruppen, bunt von Kindern in farbenfroher Kleidung. Am heutigen Montag, nach der Abreise der Wochenendgäste, sind die Haine schlagartig wieder still; die Luft hat sich urplötzlich abgekühlt, nur die alten Leute sind weiterhin am Werk. Verhutzelte alte Männer in blauen Arbeiterhosen bearbeiten still die Bäume, sie verschmelzen fast mit ihnen, die Arbeit hat ihre Körper kompakt und krumm werden lassen, den Olivenbäumen seltsam verwandt. Es geht ein scharfer Wind.